 | Leistungen und Technik |  |
Das Bessere ist der Feind des Guten: Während sich DVB-T, veröffentlicht im März 1997, 2008 in 35 Ländern in unterschiedlichen Stadien der Einführung befindet, erarbeitete das DVB-Projekt die nächste Generation der Sende- und Empfangstechnik, die sich grundsätzlich vom Vorgänger unterscheidet.
DVB-T2 wurde vom DVB-Projekt Ende Juni 2008 an die Standardisierungsinstitutionen weiter geleitet. Ab 2009 könnte DVB-T2 die Digitalisierung der Antenne in weiteren Ländern vorantreiben. Als erstes Land begann England mit einem Regelbetrieb für DVB-T2: Seit April 2010 sendet ein Multiplex HDTV-Programme des Paketes FreeviewHD.
Weit verbreitet ist die Annahme, DVB-T2 ebne - wie beim Schwesterstandard DVB-S2 - den Übergang zu HDTV-Ausstrahlungen mit MPEG-4 Codierung. Oder verkürzt: HDTV per Antenne ist an DVB-T2 gebunden. Dies ist ein Irrtum (auch vorheriger Versionen dieser Seite). Im Gegenteil stellt ein Flyer des DVB Projektes ausdrücklich fest: „terrestrische HDTV-Dienste sind perfekt machbar ohne DVB-T2 zu benutzen“. Die in Frankreich und Neuseeland 2008 eingeführten terrestrischen HDTV-Ausstrahlungen mit MPEG-4-Kompression sind also (wie schon HDTV mit MPEG-2 in Australien) unter DVB-T zulässig. Genauso wie HDTV mit MPEG-4 und den erweiterten Sendeparametern von DVB-T2 á la FreeviewHD in England.
Das DVB-Projekt sieht DVB-T2 nicht als Ersatz, sondern auf lange Zeit als Ergänzung von DVB-T. Das vor allem in Ländern, die erst jetzt mit der Digitalisierung beginnen und dann gleich den optimierten Standard einsetzen könnten.
Mehr Programme, optimierter Fehlerschutz
Ein deutlicher Schwerpunkt der Endfassung von DVB-T2 liegt auf der effektiveren Nutzung der Bandbreiten: Versprochen wird ein Kapazitätsgewinn von mindestens 45 Prozent, wenn MPEG-4 und die neuen Sendeparameter kombiniert werden. Das könnte zu Kostensenkungen beitragen.
Zu erhöhter Störsicherheit der Signale tragen neue Fehlercodierungen bei, die die bisherigen Viterbi- und Reed-Solomon-Verfahren ersetzen. Dies sind Low Density Parity Check (LDPC, übernommen von DVB-S2) und die Bose-Chaudhuri-Hocquengham (BCH)-Codierung. Damit können zusätzliche FEC-Parameter (3/5 und 4/5) verwendet werden.
Neu ist außerdem das Modulationsverfahren 256QAM.
Die Möglichkeit für das Schutzintervall wurden erweitert. Für die Anzahl der OFDM-Unterträger wurden zusätzliche Werte (z.B. 16k und 32k) zugelassen, wodurch größere Gleichwellennetze ohne Bandbreitenverlust ermöglicht werden. Umgekehrt kann bei gleicher Größe des SFN-Netzes das Schutzintervall gekürzt werden, wodurch die Nutzdatenrate erhöht werden kann.
Eine weitere Novität sind Multiple Physical Layer Pipes: Eine Physical Layer Pipe (PLP) ist ein Datenkanal bestimmter Robustheit. Multiple PLPs kombinieren unterschiedliche Daten in einem Kanal. So könnte beispielsweise HDTV zu Empfängern mit guter Empfangsantenne, SDTV zu kleinen Empfangsgeräten mit integrierter Antenne oder Radio zu Taschengeräten übertragen werden.
Neu ist auch das Verfahren MIMO (Multiple Input Multiple Output). Dadurch können mittels mehrerer Sende- und/oder Empfangsantennen und entsprechender Elektronik für die Signalauswertung mehrere Signale zeitgleich verbreitet werden. Das verbessert nicht nur die Effektivität der Bandbreitennutzung, sondern senkt auch die Übertragungsfehler (Bitfehlerrate) erheblich. So ist unterm Strich die Rede davon, dass bis zu 16 SDTV- oder drei bis vier HDTV-Programme in einen Multiplex gepackt werden könnten - bei gleichbleibender Robustheit des Signals.
Zugleich wurden Verfahren eingeführt, durch die ein DVB-T2-Empfänger nur noch das gewählte Programm (statt eines ganzes Multiplexes) decodieren muss; das trage zu Stromeinsparungen auf der Verbraucherseite bei.
Die Möglichkeiten der Programmverbreitung mit DVB-T2 wird anlässlich eines Technik-Testes im Juni 2010 in Berlin so dargestellt:
|
„Die Konfiguration des Kanallayouts umfasste zwei Physical Layer Pipes, die zusammengefasst in einem Multiplex übertragen wurden. Layer 1 ermöglichte den TV-Empfang eines H.264-encodierten HDTV-Kanals mit einer Datenrate von ca. 10 Mbit/s mittels Außenantenne. Übertragen wurde das Live-Programm des jeweils federführenden WM-Programmanbieters (ARD bzw. ZDF). Layer 2 war für den portablen Inhouse-Empfang von drei SD-Kanälen optimiert (ZDF bzw. ARD, RBB, Pro Sieben). Die H.264 encodierten Programme wurden gleichberechtigt im statistischen Multiplex mit einer mittleren Datenrate von 3 Mbit/s übertragen.
Bei der SD-Übertragung führte der Effizienz- und Kodierungsgewinn von H.264 zu einer deutlichen Verbesserung der Bildqualität gegenüber bisher verwendeter MPEG2 Codierung. Die erfolgreiche Übertragung zeigte zudem, dass via DVB-T2 mehrere Subkanäle für unterschiedliche Nutzungsszenarios und Empfangsbedingungen (Außenantenne, Inhouse) bei unterschiedlicher Bildqualität (HD bzw. SD) über eine einzige Frequenz übertragen werden können. Innerhalb des bis Mitte Juli andauernden Versuches wird MEDIA BROADCAST in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin auch eine 3D-Übertragung im T2-Multiplex realisieren.
Die Multi-PLP Technologie öffnet Inhalteanbietern neue Möglichkeiten zur Optimierung von Angebot und Reichweite beim digitalen Antennenfernsehen. Zudem gestattet Multi-PLP die effektivere und ressourcenschonende Nutzung des bestehenden Frequenz- und Bandbreitenspektrums und sorgt damit künftig für die noch wirtschaftlichere Programmverbreitung.“
|
Multistandardkonzept für Endgeräte
Aufgrund der vielen neuen Techniken erweist sich DVB-T2 (im Gegensatz zu DVB-S2) nicht als rückwärtskompatibel. Eine wichtige Anforderung an DVB-T2-Endgeräte besteht daher darin, dass sie auch DVB-T Sendungen darstellen müssen, damit Programme beider Standards in der Übergangszeit empfangen werden können. Es wird sich also um Zweinormenempfänger handeln. Das ist für Länder wie England wichtig, in denen beide Standards auf längere Zeit parallel verwendet werden.
|