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Fernsehen + Internet = Hybrid-TV (1/2)

HbbTV Die „Verheiratung“ von Fernsehen und Internet geht ab 2009 gänzlich neue Wege. Die TV-Veranstalter setzen dabei auf das Zusammenwirken ihrer Programme und begleitender Inhalte (Mediatheken, Videotext, EPG, Nachrichtenportale usw.), die - sofern sie noch über die Sendestrecke kommen - ins Web verlagert werden können. Damit wird der TV-Transportweg entlastet und es wird möglich, solchen Angebote in HDTV-Auflösung grafisch völlig neu gestaltet und mit Fotos und Videos ergänzt - auf den Fernseher zu bringen. Die technische Brücke soll Hybrid Broadcast Broadband TV (HbbTV) schlagen und herstellerspezifische Lösungen ersetzen.

Mit der Standardisierung durch die ETSI im Juni 2010 wurde der erste Schritt zur Einführung von Diensten und Geräten ab 2011 getan.

Achim Berg, Deutschland-Chef von Microsoft, sieht - trotz des Fehlschlags der MultiMedia Home Platform (MHP) - großen Potenzial in der neuen Interaktivitätstechnik. „Hybrid-TV“ sei die „perfekte Plattform für die Heimvernetzung. Das alte Fernsehen ist tot, es wird neue Aufgaben übernehmen.“ Und das bis hin zum „Ein-Fernbedienungshaus“.

HbbTV statt „Gatekeeper-Denke“

Nach dem Fehlschlag mit der MHP gingen ab 2007/2008 TV-Hersteller dazu über, Internetzugänge in ihre Fernsehgeräte zu integrieren. YouTube und Co. sollten nicht mehr nur am Computer nutzbar sein. Sony, Samsung, Panasonic, Philips und andere setzten dafür eigene Verfahren ein. Diese öffnen den Zugang zu einer vom Hersteller ausgewählten Zahl von Internet-Seiten. Die herstellereigenen Webportale und die dortigen Angebote sind damit (außer bei Philips) erheblich beschränkt und konzentrieren sich wesentlich auf Videoinhalte. Ein positives Signal sei, das von Januar bis August 2009 165.000 Fernseher mit Netzwerkanschluß verkauft wurden. Wie die neue Option genutzt wird, ist allerdings nicht nachgewiesen.

Die Inhalteanbieter fordern aus gutem Grund eine Abkehr von dieser „Gatekeeper-Denke“. Denn sie müssen ihre Inhalte und die Zugriffe darauf für jeden TV-Hersteller extra anpassen, was teuer ist, - und dort ein Eintrittsgeld für den Platz auf den Bildschirm bezahlen. Die Alternative ist daher eine gemeinsam benutzte Technik für die Integration des Internets in den Fernseher. Damit das möglich wird, setzt HbbTV an den drei Punkten Internet, Transportweg und Endgerät an.

Die Websprache HTML und das Fernsehen

Aus dem Internet trägt neben diversen vom Internetkonsortium W3C freigegebenen Tools wie CSS 2.0 vor allem CE-HTML zum neuen interaktiven Fernsehen bei. Es handelt sich dabei um eine speziell auf die Erfordernisse des Fernsehens zugeschnittene Variante der Web-Programmiersprache HTML. Für den Datentransport ist klar, dass ein Endgerät sowohl digitales Fernsehen (DVB-S, DVB-C, DVB-T) als auch Internetdaten (über LAN/DSL) empfangen und abarbeiten können muss. Die DVB-Spezifikation wird dafür um Funktionen erweitert, die die Verbindung zwischen dem eingestellten TV-Programm und den dazu gehörenden Web-Inhalten herstellen.

HbbTV: der rote Knopf bringt TV und Internet zusammen In den Interaktiv-Fernsehern ist der Webbrowser Opera 9.5 implementiert - allerdings, im Gegensatz zum Computer, unsichtbar. Die Bildauflösung der Webseiten ist auf 1280 mal 720 Pixel optimiert; Java ist ebenso zugelassen wie die Videodatenformate H.264 und WMV. Nicht erwünscht sind PopUps, PlugIns (pdf, Flash usw.) sowie Daten-Downloads. Das Ganze ist so optimiert, dass die rote Taste der Fernbedienung die aus dem Internet kommenden Informationen auf den Fernseher bringt. Navigiert wird mit den anderen Farb- und den Zifferntasten der TV-Fernbedienung.

Kein Ersatz für den Surf-Computer

Damit ist klar, dass HbbTV das Fernsehgerät keinesfalls zur Surfmaschine machen soll und wird. Dies schon, weil die meisten Internetauftritte für das Endgerät nicht optimiert sind. Und weil der Fernseher einfach bedienbar bleiben soll: Mit der üblichen Fernbedienung statt der Computertastatur.

Hinsichtlich der Inhalte wird das aktive Fernsehen als Erweiterung der Programminhalte gesehen. In dem Sinne waren auf der IFA 2009 zu sehen, wie sich Mediatheken, grafisch gestaltete Videotexte usw. auf dem Fernseher machen. Dabei ist auch klar, dass die Programmveranstalter es nicht zulassen werden, dass die Angebote anderer Inhaltelieferanten (oder gar der konkurrierenden Sender) über ihre Programme aufgerufen werden können. Inwieweit Drittanbieter (etwa Videoplattformen wie YouTube, MyVideo usw.) Zugang erhalten, bleibt Ende 2009 offen.

Proprietäre Plattformen verhindern

Der Zugang für Drittanbieter ist zugleich einer der Streitpunkte während der ab Anfang 2010 laufenden Standardisierungsphase der fertigen Spezifikation. So verweist die Deutsche TV-Plattform im Mai 2010 auf entsprechende Diskussionen. Wie es scheint wollen die öffentlich-rechtlichen Anstalten verhindern, dass Inhalte fremder Anbieter über ihre Sendungen gelegt werden, während die Privaten das möglicherweise als Werbe-Einnahmequelle ansehen. Diskutiert werden auch die Skalierung des Signals und das Speichern von Streams.

Da sind gemeinsame Regelungen für die privaten wie öffentlich-rechtlichen Programme notwendig, um Geräte auf den Markt zu bringen, die die Angebote für alle Sender sichtbar machen. Sonst wird's wohl wieder nichts mit der schönen neuen Technik. Indessen fordern die Privaten, wie schon bei HDTV (und aus den D-Box-Zeiten erinnerlich) zertifizierte Hybridgeräte. Mit gebührender auf seine Sender-Mitglieder kommentiert Gerhard Schaas für die Deutsche TV-Plattform, die Interessen der Zuschauer müssten im Vordergrund stehen. „Es werden sich nicht alle Geschäftsmodelle halten lassen.“

In den Markt drängt seit dem Frühjahr auch Google. Mit Google TV wurde eine Plattform vorgestellt, die über den Fernseher ein Massen-Publikum erreicht. Damit will Google, unter Benutzung von persönlichen Daten jedes Zuschauers, einzelne Zuschauer zielgerichtet mit Werbung beschicken. „Das sollte einen Haufen Geld wert sein“, sagte Google-Chef Eric Schmidt bei der Präsentation. Allein in den USA liegen die jährlichen Werbeumsätze der TV-Sender bei etwa 70 Milliarden Dollar.

HbbTV über Antenne erst mit HDTV/DVB-T2?

Einen Zeitplan für die Einführung gibt es Ende 2009 nicht. Erst einmal muss HbbTV die gerade beantragte Standardisierung bei der ETSI passieren. Gerhard Schaas (Loewe) rechnet damit, das nach den Protoypen des Jahrgangs 2009 auf der IFA 2010 serienreife Geräte für das HbbTV-Protokoll zu sehen sein werden. Die Aufpreise für die neuen Funktionen sollen sich „in einem sehr moderaten Rahmen halten“. Eine Nachrüstung vorhandener Endgeräte ist nicht möglich. Ausschlaggebend werden schließlich auch nicht nur attraktive Anwendungen sein, sondern auch die Frage, auf welchem Wege HbbTV-Geräte den Internet-Anschluß im Wohnzimmer herstellen.

Für das Antennenfernsehen könnte spekuliert werden, dass HbbTV-Anwendungen und -Geräte noch bis zum Start von DVB-T2 auf sich warten lassen. Dann könnten zwei oder drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: DVB-T2 mit HDTV-Programmen und zusätzlichen Interaktiv-Diensten, vielleicht sogar mit Stereoskopie-Option, in einem Einführungs-Paket - das könnte ein gutes Mehrwert-Argument für den Umstieg sein. Und ein verbraucherfeindlicher Zwischenschritt, der gerade angeschaffte Geräte schon nach kurzer Zeit wieder entwerten würde, wäre vermieden.

Weitere Informationen:
Fernseher mit HbbTV in der dehnmedia-Datenbank.
dehnmedia-Meldung zur Standardisierung durch die ETSI vom 1.7.2010.
Infosat-Meldung über die Vorstellung von Google TV vom 21.5.2010.

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