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Digitalradio: Privatradios in Rheinland-Pfalz (1/2)

Digitalradio-Schriftzug ab 5/2107 Als Vorsitzland der Rundfunkkommission der Bundesländer vernimmt man aus Rheinland-Pfalz immer wieder starke Statements zugunsten von DAB+. Aber erst im September 2018, und mit einem neuen Chef der Medienanstalt LMK, beginnt man, den dortigen Privatradios einen Weg in die digitale Zukunft zu ebnen. Geht es nach der Medienanstalt LMK könnten sie ab 2020 digital in die Luft gehen.

Bis dahin waren die digitalterrestrischen Aktivitäten privater Radios und der Medienanstalt eher dürftig: Mit RPR1 und BigFM „gastierten“ lange Zeit zwei Privatradios im Multiplex des SWR. Das dritte landesweit zugelassene Rockland Radio erweiterte erst Ende 2019 seinen Einzugsbereich von acht UKW-Ballungsrauminseln auf die landesweite Verbreitung im SWR-Mux.

Die LMK entwickelte unterdessen gemeinsam mit der Hochschule Kaiserslautern einen transportablen Kleinleistungs-Sender auf Basis von Small Scale DAB+. Dieser kam seit 2015 mehrfach testweise zum Einsatz und wurde 2018 nach Belgien vermietet.

Ein Projekt des Bretzenheimer Lokalsenders Domradio Studio Nahe mit Small Scale Sendetechnik konnte ab August 2017 bis April 2018 mit medienrechtlicher Duldung senden. Nach der Erweiterung des Landesmediengesetzes um medientechnische Tests bekam das Projekt ab April 2019 einen Neustart als zweijährige Erprobung und in Content-Partnerschaften mit Domradio Köln und NovumFM. Ob das Projekt in einen Regelbetrieb überführt werden kann, bleibt Ende 2019 offen.

Zwei Studien gehen voraus

Erste Schritte auf Multiplexe für private Radios waren 2018 zwei Studien. Im Mai veröffentlichte die LMK eine „Positionierungsstudie Hörfunk“. Diese griff u.a. die Digitalisierungsberichte auf. Dort wurde DAB+ in Rheinland-Pfalz 2016/2017 mit einer leichten Steigerung auf 13,9 Prozent der Radiohaushalte verzeichnet. Der Wert stieg - trotz fehlender Privatradios - bis 2018 auf 15,0 Prozent (für RLP und Saarland). Das liegt jeweils unter dem Bundesdurchschnitt von 15,1 Prozent (2017) bzw. 17 (2018).

Dieser Wert verwundert. Denn laut der Studie, deren Befragungen im März/April 2018 durchgeführt wurden, war DAB+ seinerzeit nur der Hälfte der Befragten bekannt. Weitere 29 Prozent konnten immerhin mit dem Kürzel etwas anfangen. Andererseits bewerteten die Nutzer DAB+ wesentlich positiver als die UKW-Hörer das analoge Radio. Digitalterrestrischer Hörfunk überzeugt also auch in Rheinland-Pfalz durch die Praxis. Desweiteren liefert die Studie unter anderem Angaben zu den Reichweiten und setzt den terrestrischen Radiokonsum und die Nutzung
Nur bei der Bedienung schneidet DAB+ schlechter
ab als UKW.

Bewertungen der DAB+-
Nutzer zu DAB+.
(LMK-Grafiken klickbar).
von Streamingangeboten in Beziehung. Weiterer Gegenstand waren die Vorlieben der Hörer für Musikstile. Dafür wurden u.a. die Aussagen von Stammhörern der wichtigsten Radioprogramme befragt. Die Daten wurden von 1.108 Personen durch das IFAK-Institut erhoben.

Im September 2018 folgte eine „Analyse der Infrastrukturkosten für DAB-Sendernetze in Rheinland-Pfalz“. Sie wurde im Auftrag der Medienstalt von der Bayerische Medientechnik GmbH (BMT) gefertigt. Das ist eine Tochterfirma der bayerischen Schwesteranstalt BLM, die u.a. mit der Netzplanung für die neue DAB+-Regionalstruktur befasst war. Die Studie lehnt sich stark an das Bayern-Konzept an, landesweite und regionale Infrastrukturen zu kombinieren. Diese Idee mag die LMK-Auftraggeber angeregt haben. Sie hatten mit der Bundesnetzagentur zuvor ein technisches Konzept erarbeitet, das der Studie eine wirklichkeitsnahe Grundlage gibt.

Netzkonzept mit fünf Infrastruktur-Regionen

Neben einem landesweiten Gleichwellen-Multiplex geht die LMK von einer landesweiten Abdeckung aus, die in fünf Senderegionen für die Großräume Koblenz, Trier, Rheinhessen, Westpfalz und Rheinpfalz aufgeteilt ist. Es sind also fünf unterschiedliche Frequenzen vorgesehen. Bei Bedarf könnten benachbarte Regionen mit einem gemeinsamen Programmpaket beschickt werden. So ließen sich beispielsweise Westpfalz und Rheinpfalz zusammen fassen. Trier könnte mit Rheinhessen oder Koblenz ein Sendegebiet bilden. Desgleichen könnten einzelne Programme in mehreren, andere nur in einer Region onAir sein. Ob und wie kombiniert wird, hängt letzlich davon ab, auf welche Verbreitungsgebiete die Radioanbieter orientieren und wie diese
Kombinierbar - die fünf regionalen Teilnetze.
(LMK-Grafik klickbar).
Interessen in eine gemeinsame Netzplanung integriert werden können.

Für die Netze wurden insgesamt 18 Sendestandorte geplant. Die fünf regionalen Netze sollen zusammen 17 Standorte nutzen. Der dort nicht vorgesehene Donnersberg wird aber für einen landesweiten Mux gebraucht, während wiederum dort die regionalen Sendestandorte Idar-Oberstein, Worms und Ludwigshafen nicht geplant sind.

Investitionen und Betriebskosten

Den auf zehn Jahre zu verteilenden Investitionsbedarf setzt die Studie bei rund 3,8 Mio. Euro an. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Mitbenutzung (für den SWR und den Bundesmux) vorhandener DAB+-Sendeantennnen Investitionen erspart. Notwendige Neuinstallationen werden mit 280.000 Euro kalkuliert und fließen mit je 50.000 Euro (Betrieb und Abschreibung) in die jährliche Kalkulation ein.

Die Berechnungen ergeben annähernd gleiche Kosten für vier Kombinationen der o.g. regionalen Netze. Weil sich beim Kostenfaktor Sendestandorte keine Unterschiede ergeben, sind die vier Regional-Kombis annähernd gleich teuer. Die Gesamtkosten liegen jährlich zwischen 2,28 und 2,24 Mio. Euro (inkl. Abschreibungen) für alle Regionen.
Gesamtkosten für den landesweiten Mux und die regionalen Kombis.
(LMK-Grafik klickbar).
Für die großflächigen Sendegebiete Trier/Koblenz bzw. Trier/Rheinhessen ergeben sich jährliche Kosten von gut einer Mio. Euro. Die Kosten der drei drei kleineren Regionen bewegen sich zwischen 500.000 und knapp 550.000 Euro. Für einen Westpfalz-Mux werden 341.000, für die Rheinpfalz 357.000 und für deren Kombi 669.000 Euro angesetzt.

Mit 1,82 Mio. Euro ist der landesweite Multiplexe etwas kostengünstiger; dort wirkt sich die geringere Zahl der Sendestandorte aus.

Aufwand je versorgtem Hörer macht Kosten vergleichbar

Ausgehend von den Gesamtkosten stellte die BMT zudem Berechnungen zu den Gesamtkosten und Nutzen der Versorgung an. Setzt man weiterhin voraus, dass ein Programm üblicherweise 54 Capacity Units (von 864 eines VHF-Frequenzblocks) nutzt, lässt sich der finanzielle Aufwand für ein einzelnes Programm abschätzen. Demnach kann ein Veranstalter für eine landesweit zu verbreitendes Programm mit jährlichen Kosten von 143.000 Euro rechnen. Die einzelnen Regionen liegen zwischen 21.000 und 34.000 Euro und die Gebietskombis zwischen 42.000 und 66.000 Euro.

BMT bezog diese Ergebnisse auch auf die Einwohnerzahlen (bzw. die potenziellen Hörerzahlen) in den Versorgungsgebieten. Daraus ergeben sich Informationen über die Kosten je Einwohner (bzw. je potenziellen Hörer) bei Indoor- bzw. mobiler Versorgung. Erst diese Angaben machen die geplanten Senderegionen miteinander vergleichbar - und darüber hinaus auch mit den Kosten anderer DAB+-Multiplexe und der UKW-Verbreitung. Damit bekommen die Radioveranstalter eine realistische Grundlage für die Kalkulation ihrer Werbepreise - letztlich also für die Refinanzierung ihrer Programme.

Unterm Strich bekommen die Privatradios durch die Studie realistische Informationen zu den Kosten, die für die unterschiedlichen Verbreitungsstrategien (und gegenwärtig zusätzlich zu den UKW-Sendekosten) auf sie zukommen. Freilich wird es zunächst darum gehen, ob, wie und wie lange die Kosten der Doppelversorgung mit UKW und DAB+ zu stemmen sind. Dabei könnten Fördermassnahmen eine wichtige Rolle spielen.

Darüber hinaus liefert die Studie einen guten Vergleich mit den heutigen Kosten der UKW-Verbreitungen und deutet auf das Sparpotenzial eines Ausstiegs aus der analogen Verbreitung.

Das Konzept bezieht leider keine lokalen Sendeinseln mit Small Scale-Technik ein. Diese könnten, wie das aktuelle Beispiel aus Sachsen zeigt, für kleine Versorgungsgebiete nicht nur technisch interesant sein. Nach dortigen Berechnungen könnte „ein DAB+-Radioprogramm in guter Qualität für rund 300,00 Euro pro Monat“ ausgestrahlt werden, macht die Sachsen-Medienanstalt SLM einen späteren Regelbetrieb attraktiv.

Wie geht es weiter?

Anfang November 2018 diskutierten LMK und Staatskanzlei mit den Hörfunkveranstaltern, dem SWR, dem Deutschlandradio und der Bundesnetzagentur am Runden Tisch, wie man „die zukünftige DAB-Versorgung im Land gestalten und auf den Weg bringen“ könnte. LMK-Direktor Marc-Jan Eumann gab sich sicher: „Dann könnte die Attraktivität des Digitalen Rundfunks über DAB+ ab 2020 mit einer neuen Programmvielfalt deutlich gesteigert werden.“ Der Optimismus war offenbar nicht gerechtfertigt. Laut Teilnehmern wurde - ungeachtet unterschiedlicher Interessen der Radioveranstalter - teils heftige Kritik am Konzept geübt:
So sehe sich die landesweit aktive RPR-Gruppe mit RPR1 und bigFM im SWR-Multiplex (Kanal 11A) bestens vertreten. Das betreffe sowohl das Sendenetz als auch die Kosten. Und das, obwohl man über DAB+ auf die Regionalisierungen verzichten muss.
Auch das Regionalradio Antenne Mainz ist zufrieden: Über den hessischen (Rhein-Main-) Privatmux (Kanal 11C) wird das Zielgebiet in Rheinland-Pfalz versorgt. Zudem erreiche man die Pendlerströme in der Rhein-Main-Region, worauf man nach dem LMK-Konzept verzichten müsste.
Den Lokalradios sind die Senderegionen zu groß und zu teuer. So reiche z.B. Antenne Bad Kreuznach ein stadtnahes Sendegebiet aus. Die vorgeschlagenen Sendegebiete bringen der Werbung hohe Streuverluste. Das LMK-Konzept sei nur mit einer - jedoch nicht zu erwartenden - öffentlichen Förderung finanzierbar.
Alternativen fürs Lokale - etwa mit Blick auf das SDR-Projekt von Domradio Studio Nahe - spart die LMK komplett aus.

Wie es in Rheinland-Pfalz weitergeht bleibt damit zunächst offen. Aber auch dort müssen sich die Verantwortlichen - bei den Programmen, der LMK und in der Politik - den Hinweis gefallen lassen, dass DAB+ an ihnen vorbeigehen könnte. Unterstrichen wird das durch den großen Sprung bei der Haushaltsausstattung mit DAB+ - obwohl sich zum Zeitpunkt der Datenerhebung Mitte 2019 nur RPR.1 und BigFM auf Landesebene beteiligten: Gemeinsam mit dem Saarland ermittelte der Digitalisierungsbericht Audio 2019 einen Anstieg binnen Jahresfrist um immerhin 42 auf 21,3 Prozent! Mehr als jeder fünfte Haushalt hat also bereits die Möglichkeit, DAB+-Sendungen zu empfangen. 2016 hatte der Wert noch bei nur
DAB+-Ausstattung.
Grafik: Digi-Bericht Audio 2019 (klicken zum Vergrößern).
12,8 Prozent gelegen. Laut dem Bericht ist - unter Berücksichtigung aller Empfangswege - die UKW-Nutzung von 54 auf gerade noch 40 Prozent abgerutscht.

Things to come ...

Weitere Informationen:
Hier werden allgemeine Meldungen gelistet. Links zu Infos über Ausschreibungen, Aufschaltungen usw. finden sich auf den Senderseiten für Rheinland-Pfalz.
Hintergrund: Wirtschaftlichkeits-Studie und Präsentation dazu.
Hintergrund: Positionierungs-Studie (Handout).
Rockland startet auf DAB+ in Rheinland-Pfalz vom 5.11.2019.
UKW in Rheinland-Pfalz unter 50 Prozent vom 1.11.2019.
SWR bestätigt Vertrag mit Rockland Radio vom 23.10.2019.
Medienrecht regelt Technik-Versuche in RLP vom 27.3.2019.
LMK-Pläne für DAB+ in der Kritik vom 20.11.2018.
Studie zu DAB+-Konzepten für Rheinland-Pfalz vom 5.9.2018.
Radiostudie der LMK veröffentlicht vom 16.5.2018.

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